Thema: Testorganisation State of the Art

14:30 - 16:00 Uhr

Sind verlässliche Aufwandsschätzungen im Testing überhaupt möglich?

Dr. Dirk Basten, Universität zu Köln

Matthias Rasking, Accenture GmbH

 

Softwareprojekte überschreiten häufig ihre Zeit- und Budgetpläne in großem Maße. Als Grund für derartige Überschreitungen wird oftmals die ungenaue Prognose des für die Entwicklung der Software benötigten Aufwands genannt. Gerne wird dann auch auf ungeplanten (oder sogar "unplanbaren") Testaufwand verwiesen, da sich im Laufe des Projektes ja "so viel" geändert hat. Für Softwareprojekte im Allgemeinen und Testaktivitäten im Speziellen spielen Aufwandsschätzungen somit eine besondere Rolle - und vor allen Dingen deren Genauigkeit und Nachvollziehbarkeit.

Um die Genauigkeit von Schätzungen zu verbessern wurde eine Reihe von Verfahren vorgeschlagen, die in unterschiedlichem Ausmaß auf Parametern und/oder der Meinung von Experten basieren. Unabhängig von der gewählten Vorgehensweise spielen die Erfahrungen und Fähigkeiten der für die Schätzung verantwortlichen Personen eine entscheidende Rolle. Die Schätzungen für Testaktivitäten können somit in starkem Maße von der Zuordnung zu Personen abhängen. Eine hohe Diversität der Schätzer führt somit auch zu einer hohen Diversität der Schätzergebnisse. Um die Subjektivität der Schätzungen zu reduzieren ist es entscheidend, den Prozess zu standardisieren, beispielsweise unter Zuhilfenahme von Checklisten, die die entscheidenden Faktoren verdeutlichen. Die Praxis zeigt, dass oftmals die Meinung einzelner für eine Schätzung herangezogen wird, die dann nicht nachvollzogen oder von den Projektverantwortlichen überprüft und im Laufe des Projektes aufgrund von Risiken und Änderungen angepasst werden kann.

Um verlässliche Aussagen in Bezug auf den Testaufwand ableiten zu können, ist es daher entscheidend die Einflussgrößen auf die Schätzgenauigkeit zu kennen, insbesondere derer die in direkter Verbindung mit dem Schätzer stehen und somit nicht in parametrischen Modellen Beachtung finden. Empirische Erkenntnisse umfassen dabei sowohl offensichtliche Faktoren wie die Erfahrung der Personen und deren Sorgfalt im Schätzprozess aber auch überraschende Faktoren wie Inkonsistenzen und das generelle Optimismuslevel einer Person. Darüber hinaus kann es entscheidend sein, welchen Schwerpunkt die Rolle eines Schätzers hat und in welchem Verhältnis dieser zur Testaufgabe steht.
Der Workshop liefert eine Übersicht dieser (im Alltag der Projekte oft vernachlässigten) Faktoren und verdeutlicht deren Zusammenhang mit der Genauigkeit von Schätzungen anhand von Praxiserfahrungen im Software Testing-Bereich. Die Teilnehmer erhalten Handlungsempfehlungen für den Projektalltag, die systematisch zur Verbesserung der Schätzgenauigkeit führen und es Projektmanagern und Testmanagern ermöglicht, genauere und besser nutzbare Aufwandsschätzungen für Software Testing zu erhalten. Die Praxisbeispiele beziehen sich dabei auf Projekte aus unterschiedlichen Industrien (Finanzdienstleistungen, Konsumgüter, Softwarehersteller), Plattformen (Eigenentwicklung, SAP) und Organisationsformen (Test Center, Outsourcing, Projekte). Drei verschiedene Modelle für die Aufwandsschätzung werden vorgestellt, die sowohl Expertenmeinungen als auch Parameter beinhalten.

Die zwei Referenten stellen dabei die wissenschaftliche und die praxis-orientierte Seite des Themas vor und fordern die jeweils andere Seite dabei auf, den gegenwärtigen Stand der Forschung und Praxis zu verbinden.

Dr. Dirk Basten, Universität zu Köln

Dr. Basten ist Geschäftsführer und Dozent am Seminar für Wirtschaftsinformatik und Systementwicklung an der Universität zu Köln. Er verantwortet mehrere praxisnahe Forschungsprojekte in den Bereichen Aufwandschätzung, Organisationales Lernen und Projekterfolg. Er ist Vertrauensdozent der Gesellschaft für Informatik e.V. und verfügt über Projekterfahrungen in den Bereichen Softwareentwicklung und Business Intelligence.

Matthias Rasking, Accenture GmbH

Herr Rasking leitet bei Accenture den Bereich Application Test Services in EALA mit 13 dedizierten Test Centern und Mitarbeitern in allen europäischen Ländern und den Kernmärkten in Lateinamerika und Afrika. Herr Rasking ist seit mehr als 14 Jahren tätig für Kunden in verschiedenen Industrien bei der Gestaltung, Implementierung und Verbesserung von Test- und IT-Prozessen sowie zentralen Testorganisationen. Besonderen Fokus legt er auf die Etablierung von effizienten und trotzdem pragmatischen Betriebsmodellen für weltweit tätige Unternehmen. Neben seinen Projektaufgaben bei Accenture leitet er als Deputy Chair den Bereich Model Development and Maintenance der TMMi Foundation, einer not-for-profit Organisation zur Etablierung des TMMi Prozessmodells, für die er auch akkreditierter Lead Assessor ist.