Thema: Werkzeuge für Software-QS und -Test

16:00 - 16:45

Wir Prothesengötter

Dr. Bernd Flessner, FAU Erlangen-Nürnberg


Sigmund Freud bezeichnete unsere Werkzeuge treffend als Prothesen, als funktionale Verlängerungen unseres Körpers und Geistes. Dank der Fähigkeit, uns mit immer neuen und leistungsfähigeren Prothesen auszustatten, erheben wir uns laut Freud zu gottgleichen Wesen, zu „Prothesengöttern“.
Dieser Interpretation folgen auch IT-Pioniere wie etwa Joseph Weizenbaum vom MIT, der die Informationstechnologie für die bedeutendste Prothese der Menschheit hält. Der Medienphilosoph Vilém Flusser bezeichnet den Computer zu Recht als „eine Prothese des Zentralnervensystems“.

Der Vortrag bietet eine kleine Zeitreise zu den möglichen Zukünften von Hard- und Software, deren Differenzierung dank der Nanotechnologie zunehmend fragwürdig wird. Vergleichbares gilt für die Wetware, also den Menschen. Denn die längst begonnene Konvergenz von Mensch und technischer Prothese wird die Zukunft prägen. Brain-Computer-Interfaces (BCI) und Chipimplantete kündigen die Verschmelzung von Wet-, Hard- und Software an.

Treibende Kraft dieser Entwicklung ist vor allem die Nanotechnologie, die in vielen Bereichen zur Konvergenztechnologie wird (Converging Technologies). In durchaus überschaubaren Zeiträumen wird sie dazu beitragen, heute noch externe Prothesen – wie etwa das Smartphone – zu internalisieren. Mit dem Interface im Kopf wird der Mensch direkten Zugang auf Rechnersysteme und ganze Produktionsbetriebe haben. Software wird nicht mehr entwickelt, sie wird gedacht, designt, imaginiert. Jedoch nicht von einem einzigen Kopf, sondern vernetzt mit anderen Köpfen und Rechnern (z.B. Human-based Computation, Modellbasierte Testverfahren). Intelligente Hard- und Software werden zum gleichwertigen individuellen Partner des Entwicklers wie des Testers.

Schon länger prognostizierte Assistenzsysteme, etwa für das Auto (Car-to-Car-Communication,  Floating-Car-Data-Systems, Robot-Cars), erreichen in absehbarer Zeit die Marktreife und steigern den Bedarf an Software und entsprechenden Tests. Vergleichbares gilt für die Pflege- und Service-Robotik, für K.I.-basierte Produktionsverfahren oder andere intelligente Assistenzsysteme. An die Stelle des Keyboards tritt, zumindest für den User, verstärkt die Sprache. Auch ihr Verständnis durch die Systeme verlangt nach Tests. Diese werden nicht nur wichtiger, sondern auch anspruchsvoller.

Bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts entstehen völlig neue Entwicklungs-, Produktions- und Distributionsverfahren, bei denen Menschen, Rechner und Roboter auf kognitiver Ebene in einer Weise zusammenarbeiten, die heute noch utopisch klingen mag. Assembler, Fabbing-Machines und anthropoaffine Robotik sind die Eckpfeiler dieser wissensbasierten Welt.

Dr. Bernd Flessner, FAU Erlangen-Nürnberg

Geboren 1957 in Göttingen
Medienwissenschaftler, Zukunftsforscher, & Wissenschaftsjournalist, lehrt und forscht am Zentralinstitut für Angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation (ZIEW) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Freier Mitarbeiter von Z_punkt, Deutschlands führender Foresight-Agentur, sowie Mitarbeiter verschiedener Forschungsprojekte, auch auf europäischer Ebene, etwa dem aktuellen iKnow-Project der EU, in dem europäische Wissenschaftler erstmals gezielt Wild Cards und deren Weak Signals identifizieren. Beteiligung an Forschungsprojekten von Universitäten und Instituten, z.B. „Bildschirmfiktionen“ der Universität Stuttgart oder der aktuellen Studie des Adolf-Grimme Instituts zur Medienökologie. Mitarbeiter der DHL-Szenario-Studie „Logistic 2050“.
Vorträge u.a. in Paris (Sorbonne), Berlin (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung), Stuttgart (Telekom, WLAN-Kongress), München (Akademie der Schönen Künste), Frankfurt a. M. (Börse, Entry & General Standard Konferenz), Dortmund (VDE), Nürnberg (GfK).
Zahlreiche wissenschaftliche und literarische Veröffentlichungen u.a. in den Verlagen Suhrkamp, C.H. Beck, Rombach, Beltz & Gelberg, Königshausen & Neumann, Brockhaus, Meyers, Rowohlt, Franckh-Kosmos, Random House, Kopaed, Ph.C.W. Schmidt.
Schreibt u.a. für Neue Zürcher Zeitung, Nürnberger Nachrichten, Kultur & Technik, Ästhetik & Kommunikation, mare – Zeitschrift der Meere, Archiv für Kommunikationsgeschichte, Kursbuch (Die Zeit), Zukünfte, BR, WDR, ZDF.
Mitarbeiter und Gestalter zahlreicher Ausstellungsprojekte und Veranstaltungen, z.B. im Museum für Kommunikation (Nürnberg), ZEITReise 2000 (Berlin, Wien), Internationale Frühjahrsbuchwoche (München), Kunsthalle Emden, Kinder-Universitäten u.a. zum Klimawandel.
Bei der Realisierung verschiedener Medienprojekte und Publikationen Zusammenarbeit u.a. mit Umberto Eco, Stanislaw Lem, Helmut Dietl, August Everding, Arved Fuchs, Peter Grünberg (Nobelpreis für Physik), Rainer Erler, Herbert W. Franke.
Träger des Utopia-Preises 2006 (Die Gesellschafter, Aktion Mensch, Börsenverein des Deutschen Buchhandels) für die Erzählung „Baculum“.
„International Corporate Media Award“ (Silber) in der Kategorie "Corporate Books" 2011 für die Dokumentation „25 Jahre Kunsthalle Emden“ (SKN)