05.10.2022
17:25 - 18:10 Uhr

Vortrag
Processes

Prof. Karin Vosseberg
Hochschule Bremerhaven

Risiken und Nebenwirkungen der Agilität - Fragen wir die Daten aus 10 Jahren der Umfrage Softwarequalität in Praxis und Forschung

Seit vielen Jahren ist ein Wechsel zu agilen Vorgehensmodellen in Softwareentwicklungsprojekten deutlich zu erkennen, dies bestätigen auch die Daten aus den Umfragen 2011, 2016 und 2020 zu „Softwarequalität in Praxis und Forschung“ (www.softwaretest-umfrage.de). Während 2011 noch zwei Drittel der Befragten angaben, phasenorientiert oder ohne explizites Modell in den Projekten vorzugehen, hat sich 2020 die Situation komplett gedreht: zwei Drittel der Befragten führen ihre Projekte agil durch. Dies ist sogar relativ unabhängig von den unterschiedlichen Branchen. Welche Konsequenzen hat dies für Maßnahmen der Qualitätssicherung in den Projekten? Können die Daten aus den 10 Jahren der Umfrage hierzu Hinweise geben?

Auch wenn mit agilen Vorgehensweisen die Bedeutung von Rollen in der Aufgabenzuordnung zu gunsten cross-funktionaler Kompetenzen der Teammitglieder oder des gesamten agilen Teams an Bedeutung verlieren, ordnen sich die Projektbeteiligten nach wie vor eher den etablierten Rollen zu. Dies ermöglicht einen differenzierten Blick auf die Daten der Umfragen entlang der Rollen Projektleiter:in und Entwickler:in sowie Testmanager:in und Tester:in. Wie sehen Entwickler:innen die Aufgaben zur Qualitätssicherung im agilen Umfeld im Vergleich zu Tester:innen? Hat das Management einen anderen Anspruch und entspricht dieser der Wirklichkeit?

Mit der Auswertung über 10 Jahre Umfragedaten wird deutlich, dass ein erhoffter „Shift Left“ in der Qualitätssicherung, um Fehler bereits frühzeitig in den Anforderungen und Spezifikationen zu erkennen, nicht zu belegen ist. Auch eher organisatorische Praktiken, wie beispielsweise Collective Code Ownership, Pair Programming oder zentrales Storyboard, die einem agilen Mindset zuzuordnen sind, scheinen nicht den erwarteten Stellenwert zur Unterstützung der
Qualitätssicherung zu haben. Hier stellt sich die Frage, ob die Einführung agiler Vorgehensmodelle eher ein Lippenbekenntnis als ein wirklicher Wechsel im Vorgehen ist. Mit den Daten belegbar ist, dass sich der Fokus stärker auf die Qualitätssicherung von Programmcode richtet. Programmiernahe Praktiken, wie Testautomatisierung, Continuous Integration, Code Review oder Clean Code, haben für die überwiegende Mehrheit der Befragten einen sehr hohen Stellenwert für die Qualitätssicherung – insbesondere im Kontext funktionaler Anforderungen wird dies erkennbar. Dagegen spielt die Qualitätssicherung nichtfunktionaler Anforderungen 2020 in den Projekten eine deutlich geringere Rolle als 10 Jahre zuvor. Während 2011 noch die Hälfte der Befragten angaben Last- und Performancetests durchzuführen, sind dies in 2020 nur noch ein Viertel der Befragten. Liegt es möglicher Weise daran, dass die „übergreifenden“ Qualitätsmerkmale wie Performanz oder auch Sicherheit in den Entwicklungs-Sprints nicht geprüft werden (können) und daher hinten runter fallen?

Die Auswertung der Umfragen belegen auch, dass explizites Wissen über Verfahren und Methoden der Qualitätssicherung und das Nutzen der Verfahren verloren geht. Sogar bei den Tester:innen ist beispielsweise die Nutzung von Äquivalenzklassen seit 2016 von knapp der Hälfte auf ein Drittel drastisch gesunken. Aber auch das Explorative Testen, wo zu vermuten ist, dass die Nutzung parallel zur Agilität zugenommen hat, ist weit hinter den Erwartungen auf niedrigem Niveau geblieben. Nur ein Drittel aller Befragten gaben 2020 an explorativ ohne Testcharta zu testen und weniger als ein Fünftel der Befragten nutzen Exploratives Testen mit Testcharta.

In dem Vortrag sollen entlang der Auswertungen und Interpretationen der Daten aus den 10 Jahren der Umfrage „Softwarequalität in Praxis und Forschung“ die Risiken und Nebenwirkungen der Agilität auf die Maßnahmen der Qualitätssicherung beleuchtet werden. Ideen sollen mit dem Publikum diskutiert werden, wie die Kompetenzen aus der Qualitätssicherung noch stärker in den cross-funktionalen Kompetenzen agiler Teams verankert werden können, um damit den Risiken und Nebenwirkungen entgegenzuwirken und die positiven Effekte agiler Vorgehensweise weiter auszubauen und zu stärken.

Prof. Karin Vosseberg, Hochschule Bremerhaven

Prof. Dr.-Ing. Karin Vosseberg ist Professorin mit dem Schwerpunkt IT-Systemintegration an der Hochschule Bremerhaven im Studienbereich Informatik.
Sie hat Informatik an der Uni Bremen studiert und dort promoviert. Karin Vosseberg verfügt über 35 Jahre Berufserfahrung. Neben vielen Jahren im wissenschaftsbereich war sie 8 Jahre bei der Commerz Systems GmbH (ehemalige Tochter der Commerzbank) im Bereich Business Development mit dem Schwerpunkt Prozessverbesserungen beschäftigt. Ihre besondere Expertise liegt in Qualitätssicherung in Softwareentwicklungsprozessen und Ausbildung.
Eine Vielzahl an Vorträgen und publikationen runden ihr Portfolio ab. Ihre Erfahrung als Referentin: Karin Vosseberg hat über die Jahre auf vielen nationalen und internationalen Konferenzen vorgetragen, u.a. Navigate 2022, ESE 2021, Informatik 2021, GTD 2021, World Congress on Software Quality 2014. Weitere Informationen über Karin Vosseberg sind zu finden unter: informatik.hsbremerhaven.de/kvosseberg